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Lost Wheels
Von Bettina Schulz

Welch euphorischer Augenblick muss es gewesen sein, als es endlich gelang, einen Augenblick auf Papier und damit (fast) für die Ewigkeit zu bannen. Heute ist die Fotografie so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen – tatsächlich bezaubern kann sie nur durch zweierlei: Entweder gelingt eine ungewöhnliche Inszenierung oder aber der Fotograf hat die Gabe, das Besondere im vermeintlich Alltäglichen zu entdecken. Und damit wären wir bei Dieter Klein, der für das Aufspüren des Ungewöhnlichen regelmäßig auf Schatzsuche geht …

Oldtimer-Enthusiasten werden beim Durchblättern des faszinierenden Bandes »Lost Wheels« sicherlich unter Schnappatmung leiden: Dort sind sie alle versammelt, Modelle, von denen man oft nur träumen kann. Sie stehen aber nicht in Museen oder Autohäusern, sind weder poliert noch liebevoll restauriert – sie ertragen geduldig ihren zunehmenden Rostfraß mitten in Wäldern, vor verlassenen Häusern, in verfallenen Garagen oder einsam auf dem platten Land. Es sind Szenerien, die niemand für ein Shooting besser hätte inszenieren können … man musste sie »nur« finden. Von dieser Leidenschaft, der akribischen Suche und einer unfassbar grossen Sammlung der »Lost Wheels« möchte man unbedingt mehr erfahren …

Mit Rosalie fing alles an

Dass die Fotografie in Sachen Berufswahl alternativlos war, wusste Dieter Klein recht schnell: »Eventuell wäre auch Musik in Frage gekommen, aber bei selbstkritischer Betrachtung hätte mein Klaviertalent wohl nicht ausgereicht«. Und so begann er schon während seines Studiums der Freien Kunst in der Fotoklasse, sich ein Zubrot bei der Lokalpresse zu verdienen. »Eine gute Schule, bei der man das Handwerk von der Pike auf lernte. Schließlich hatte man immer nur wenige Sekunden Zeit, um einen Handshake zwischen Bürgermeister und Sparkassendirektor festzuhalten. Das Bild musste schnell im Kasten sein«, erzählt der Kreative. Bald entstanden auch eigene Reportagen, die in Zeitschriften erschienen – ob aus dem Schlachthof, dem Gefängnis oder aber von Mülldeponien. Es war immer die Unterschiedlichkeit, die Dieter Klein reizte, und die Möglichkeit an Orten zu sein, die man nur mit der Kamera erreicht. Die neunziger Jahre waren bekanntlich die Hochzeit der Werbefotografie und auch hier agierte der Fotograf erfolgreich. Doch die Reportage-Fotografie ließ Klein niemals ganz los, zumal ihm immer Gelegenheiten zu Pass kamen, um seine Leidenschaft weiter voranzutreiben: »Ein Freund von mir gründete beispielsweise das Museum für Alltagskultur, das Objekte aus 8 Jahrhunderten beherbergt. Hier konnte ich mir für Fotoserien fantastische Artefakte ausleihen, die ich vor zusammengesammelten, alten Hintergründen als Stillleben inszenierte«.
Doch eines Tages erschien Rosalie in seinem Leben und Dieter Klein verliebte sich in Anwesenheit seiner Frau: »Als wir auf einer Radtour im Urlaub in der Nähe von Cognac an einem verlassenen Gehöft vorbeikamen, sah ich aus dem Augenwinkel einen alten Lieferwagen der Baureihe ›Rosalie‹ von Citroën von 1935. Eingewachsen in einen Holunderbusch, ein Ast wuchs wie eine Art Wegfahrsperre durch das Lenkrad hindurch und Efeu schlängelte sich drum herum, aber ansonsten war das Auto weder ausgeplündert, noch zerstört, es stand einfach nur seit 50 Jahren dort«. Ein Foto, wie für ein Märchenbuch gemacht, dachte sich Dieter Klein und kam gleich am nächsten Tag an die Stelle zurück, um diese unwirkliche Szenerie festzuhalten. Es sollte der Anfang einer langen Reise werden …

Next Stop – Schweden

»Wenn man einmal ein Thema für sich gefunden hat«, so Dieter Klein, »entdeckt man immer mehr Motive«. Auf diese Weise wuchs die Lost-Wheels-Sammlung, sprach sich schnell im Freundeskreis herum und führte zu weiteren Tipps für die Jagd nach verlassenen Oldtimern. Besonders ergiebig war dabei eine zugespielte Zeichnung, die einen Schrottplatz mitten in einem Wald abbildete: Keine Frage – dort musste Dieter Klein hin. Nur mit groben GPS-Daten im Gepäck, reiste er nach Schweden und stieß nach 1500 Kilometern und längerer Suche auf sein persönliches Paradies. Wie in einem zwölfreihigen Autokino standen in einem Hain Gefährte aus den 40er und 50er Jahren – oft dreifach gestapelt! »Hierzu muss man wissen, dass nach dem Krieg eine unglaublich hohe Steuer auf den Import von Privatautos nach Norwegen erhoben wurde – aber nicht auf Einzelteile. Zwei Brüder nutzten diese Gesetzeslücke und errichteten direkt an der Grenze einen Schrottplatz, zerlegten Fahrzeuge, brachten die Einzelteile ins Nachbarland und setzten sie dort wieder zusammen. Die Überbleibsel konnte ich gerade noch rechtzeitig fotografieren – inzwischen wurden diese Autos vollkommen ausgeplündert und demoliert.« Bei gleich zwei Besuchen bannte Dieter Klein die »industriellen Waldbewohner« für die Ewigkeit: Sie erscheinen wie Fabelwesen und schmiegen sich fast schon selbstverständlich in eine Umgebung, in der sich die Natur ihren Platz zurückeroberte.

Das Auge macht das Bild, nicht die Kamera
(Gisèle Freund)

Viele inoffizielle »Parkplätze« spürte Dieter Klein für seine Serie in Europa auf, ein wahres Eldorado offenbarte sich aber in den USA. Ist es doch hier – vor allen Dingen auf dem Land – viel üblicher, aufgegebene Fahrzeuge wie Andenken vor dem eigenen Anwesen einfach stehen zu lassen. Über einen Autoblog stieß der Fotograf 2014 zunächst auf eine Auktion in Oklahoma, bei der eine private Sammlung von Oldtimern aufgelöst wurde. Dieter Klein wurde die Möglichkeit angeboten, die Schmuckstücke einige Tage zuvor festzuhalten – diese Gelegenheit war der Startpunkt für eine vierwöchige Tour quer durch sieben Bundesstaaten mit insgesamt 8000 Kilometern und vielen »Schätzen« auf der Wegstrecke. Einige mögliche Plätze recherchierte Klein im Vorfeld, andere wiederum wurden ihm vor Ort verraten, sobald er von seinem Projekt erzählte. »Meine Leidenschaft waren dabei ja nie die Oldtimer an sich, sondern die Fotografie und schlichtweg Autos, die nicht fahren und damit gar nicht ihren Zweck erfüllen«, erzählt Dieter Klein, der oft viele Stunden auf genau das richtige Licht wartet, um ein perfektes Bild festzuhalten. »Keine meiner Fotografien ist inhaltlich retuschiert – wenn da eine Cola-Dose im Rasen liegt, dann ist das eben so. Korrigiert werden von mir lediglich Tonwerte und Farbigkeit«.
Vollkommen fasziniert von seinen Fundstücken begab er sich später nochmals für sechseinhalb Wochen und 12.500 Kilometer in die USA. Auf dieser Reise entstand unter anderem auch das Coverbild von »Lost Wheels«, ein pinkfarbener Dodge vor einem verlassenen Farmerhaus, keine Straße, keine Fahrspur, kein Weg weit und breit – ein absoluter Zufallsfund: »Solche Szenerien kann man sich gar nicht ausdenken. Ich machte den Besitzer ausfindig, der mir erzählte, dass das Auto seinem Vater gehörte. Zwei Tage vor dessen Tod 1977 wäre er damit noch gefahren und seither stünde es wie ein Memorial unbewegt auf dem nun zugewachsenen Grundstück«. Dieter Klein wartete geduldig sechs Stunden lang, bis der Sonnenuntergang diese grossartige Bühne mit rosa Wolken komplettierte, dann hatte er das perfekte Kunstwerk eingefangen.
Zusammen mit zwei weiteren Reisen durch die Vereinigten Staaten realisierte Dieter Klein zwischen 12.000 und 14.000 Aufnahmen für diese umfängliche Serie – »so genau kann ich das gar nicht sagen, ich habe sie nie gezählt«. Unterwegs war er dabei anfangs mit einer Hasselblad, später mit der einer Mittelformatkamera von Phase One. »Damit entstehen Aufnahmen von 100 Megapixeln, was 300 MB für ein Bild bedeutet. Die Datenmenge braucht man zwar nicht unbedingt für eine Buchproduktion, aber die Dynamik und die Tonwerte sind einfach fantastisch«, schwärmt Dieter Klein.

Hinter jedem Bild steckt eine Geschichte

Schon anhand dieser wenigen Anekdoten lässt sich erahnen, was Dieter Klein antreibt: Ihn freut der Zufall, der ihm Motive quasi aus dem Nichts vor die Kamera spült und eine Art natürlichen Surrealismus bereithält. Und auch als Betrachter, ob Oldtimer-Fan oder nicht, verliert man sich schnell in dieser magischen Welt und lässt sich von dem vermeintlich konträren Zusammenspiel aus technischer Anmutung und unberührter Natur einfangen. Vielleicht ist es das Bewusstwerden der Vergänglichkeit bei gleichzeitiger Überdauerung, das anrührt. Vielleicht liegt die Faszination auch in dem unerklärliche Hang, die Fahrzeuge nach einiger Zeit fast schon zu vermenschlichen und sie als Protagonisten anzusehen, die eine Geschichte erzählen möchten. In jedem Fall kann man sich dem Charme der Lost Wheels kaum entziehen und hofft auf weitere Fundstücke von Dieter Klein.